Donnerstag, 29. Juli 2010

Aktuelles

Lesen 2.0: Literaturtipps für Eltern

Kinder, Medien und Erziehung

Bücher im Regal; Rechte: Internet-ABC

Die gegenwärtige Elterngeneration steht vor großen Herausforderungen: Denn im Gegensatz zu den meisten Erwachsenen bewegen sich Kinder in virtuellen Welten mit beneidenswerter Leichtigkeit. Sie surfen, chatten, mailen, downloaden, spielen und legen bei SchülerVZ und Konsorten eigene Seiten an. Obwohl dies alles nicht ohne ein gewisses technisches Verständnis geht, herrscht auch oft eine gefährliche Sorglosigkeit. Wer sich heute um seine Kinder kümmern möchte, muss folglich mehr über die technischen Gegebenheiten und Umstände begreifen, um dann seine Kinder im Kontext zu ihrer Generation zu erziehen.

Viele Informationen zu Kindern im Medienzeitalter und Erziehung im Allgemeinen sind im Internet zu finden - eine Menge auch hier im Internet-ABC. Aber manchmal muss es eben doch ein klassisches Medium wie das gute alte Buch sein. Das Internet-ABC stellt Ihnen verschiedene Bücher vor, die ihnen das Erziehen im Medienzeitalter leichter machen.

Hinweis: Sie können diesen Newsletter-Schwerpunkt auch herunterladen oder ausdrucken:

Stichwort: Entwicklung

Die Kindheit hat sich stark verändert. Das liegt nicht immer allein an der Fülle der Neuen Medien. Vielmehr geraten Kinder immer häufiger unter immer stärkeren Druck. Wenn zum Beispiel in vielen Sportvereinen die Kinder ausbleiben, dann liegt das an dem enormen Leistungsdruck, den sie zum Beispiel in der Schule ausgesetzt sind. Dabei tappen viele Eltern, aber auch Pädagogen in die Falle des Konformitätsgedanken.

Aber eigentlich ist doch jedem klar, dass das Wesen der Kinder in ihrer Individualität besteht: Jedes Kind ist nun mal einzigartig. Dann aber, wenn es etwa um Leistung geht, fangen wir an, sie zu messen und zu vergleichen. Ein Fehler. Es wird Zeit, umzudenken. Weniger Konkurrenz, weniger Druck, weniger Kälte. Dafür mehr Beziehung, mehr Nähe und mehr Vertrauen. Wie das gehen kann, zeigen die folgenden Bücher.

Der Kinderversteher: "Schülerjahre"

Cover des Buches "Schülerjahre" von Remo H. Largo und Martin Beglinger:

Remo Largo ist Kinderarzt und Entwicklungsspezialist, der seit Jahre mit seinen Büchern "Babyjahre" und "Kinderjahre" vielen Eltern hilfreich zur Seite steht, in dem er ihnen auf ruhige und richtige Weise die schwere Bürde ihrer Ängste und Befürchtungen nehmen kann. Im Mittelpunkt seiner Überlegungen stehen dabei immer die Kinder. Von diesem Ansatzpunkt lässt sich lernen.

In seinem neuesten Buch "Schülerjahre", das er zusammen mit dem Schweizer Journalisten Martin Beglinger geschrieben hat, geht es nicht um Ratschläge für eine bessere Note, sondern um ein besseres Lernleben, eine bessere Schule und einem besseren Verständnis für die Entwicklung von Kindern. Um gleich einen richtigen Vorgeschmack auf das Buch zu erhalten, kommen auch zuerst die Kinder zu Wort. Sascha stellt sich seine Traumschule so vor: "In meiner perfekten Schule ändert sich dies: alle sind lieb und stressfrei. Es gäbe keine Streite mehr und alle hören dem Lehrer zu. Dann wären sogar die Lehrer glücklich."

Thematisch wurde das Buch, das im Interviewstil daherkommt, in drei Gebiete unterteilt: Wie sich Kinder entwickeln, was Kinder kompetent macht und wann die Schule kindgerecht ist. Largo tritt dafür ein, dass ein guter Lehrer mit seinen Schülern in Beziehung treten sollte, dass sich aber darüber hinaus auch Bildungsinstitutionen und insbesondere die Bildungspolitik verändern müssen.

Besonders aufschlussreich sind Largos Antworten zu Medienfragen. "Jugendgewalt auf Medienkonsum zurückzuführen", schreibt Largo, "ist eine falsche Fährte. Selbstverständlich tragen Killergames weder zur Sprach- noch zur Sozialkompetenz bei. Ich habe aber noch nie von einem Jugendlichen gehört, der sozial integriert und schulisch erfolgreich ist und allein durch die Beschäftigung mit Computerspielen gewalttätig wurde."

Im Gegensatz zu vielen Anderen, die sich gerne lauthals und auch polemisch zu diesen Themen äußern, bewahrt Remo Largo Ruhe und packt die Probleme an seinen Wurzeln. "Ich habe zudem den Verdacht", so heißt es weiter, "dass viele Eltern und Schulen auch deshalb  so kritisch gegenüber den neuen Medien sind, weil sie im Umgang damit keine ausreichende Erfahrung haben. Das ist bedauernswert, weil gerade Eltern und Schulen den Kindern einen altersgerechten Umgang mit den Medien beibringen sollten, anstatt diese in Bausch und Bogen zu verdammen. Unsere Kinder müssen medienkompetent werden, die ganze Wirtschaft ist auf dieser Form der Kommunikation ausgerichtet."

Fazit: Sehr empfehlenswert.

  • Remo H. Largo und Martin Beglinger:  Schülerjahre. Wie Kinder besser lernen. Piper Verlag, 2009. 336 Seiten. 19,95 Euro
  • Auch empfehlenswert: Remo Largo: Kinderjahre – Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung. Piper Verlag, 16. Auflage 2008. 378 Seiten. 9,95 Euro

Ruhe muss sein: "Kinder unter Druck"

Cover des Buchs "Kinder unter Druck" von Carl Honoré

Eltern wollen für ihre Kinder nur eine Erziehung: die beste. Die Frage ist nur, wie sich das bewerkstelligen lässt. Denn damit sich Kinder gut entwickeln können, brauchen sie neben Liebe und Vertrauen auch Zeit. Zeit für sich, Zeit zum Spielen, Zeit, um auch mal gar nichts zu unternehmen.

Gerade in Zeiten der auf 12 Jahre verkürzten Schulzeit haben viele Mütter und Väter oft die durchaus berechtigte Angst, dass ihre Kinder nicht mehr mithalten können. Um sie zu unterstützen werden Mädchen und Jungen manchmal auf so mannigfaltige Art und Weise gefördert, dass sie am Ende zwar viele neue Erfahrungen sammeln konnten, aber dann die Leichtigkeit einer glücklichen Kindheit eingebüßt haben. Denn viele Eltern wollen, dass ihre Kinder neben den schulischen Aktivitäten noch andere Kompetenzen erwerben. Und dann gibt es Eltern, die diese Ambitionen wahrlich übertreiben. Genau die nimmt der britische Journalist Carl Honoré mit kanadischen Wurzeln in seinem Buch aufs Korn.

Der Autor ist ein engagierter Unterstützer der Slow-Life-Bewegung und möchte Kindern und Eltern den Druck und das Tempo nehmen. "Wo auch immer man heute hinblickt", kritisiert Honoré, "die Botschaft ist stets die gleiche: Die Kindheit ist zu wertvoll, um den Kindern überlassen zu werden, und die Kinder sind zu wertvoll, um sich selbst überlassen zu bleiben. Durch all diese Einmischung bekommt die Kindheit einen völlig neuen Charakter."

Der Autor schlägt darum eine Auszeit von "Hysterie und Panik" vor, um einmal darüber nachzudenken, was Kinder wirklich brauchen. "Ich will, dass sie eine Kindheit haben, die diesen Namen verdient." Honoré sieht vor allem in alternativen Erziehungskonzepten Möglichkeiten, Kindern eine ideale Entwicklungszeit zu geben. Druck und Wettbewerb stammen aus der Erwachsenenwelt, und selbst da fühlt sich eigentlich niemand damit wohl.

Der Journalist wendet sich aber deswegen nicht automatisch von Neuen Medien ab, im Gegenteil: Er bescheinigt ihnen positive Elemente und weiß das auch mit wissenschaftlichen Untersuchungen zu belegen. Gleichzeitig aber sieht er auch die Gefahren. Er berichtet dabei nicht nur von Kindern, die in den Sog der Neuen Medien geraten, sondern auch von einer Mutter, die selbst ihre Kinder zum Essen per SMS rief.

Fazit: Ein hochinteressantes, sehr lesenswertes und auch gegen den Strich, genauer: gegen die Zeit gebürstetes Buch.

  • Carl Honoré: Kinder unter Druck. Rettet die Kindheit vor Schule und Übereltern. Fackelträger, 2008. 319 Seiten. 19,95 Euro

Alles braucht seine Zeit: "Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden"

Cover des Buchs "Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden" von Gerald Hüther und Cornelia Nitsch

Gerald Hüther ist Neurobiologe und einer der bekanntesten Hirnforscher in Deutschland. Aufsehen erregte er kürzlich mit einem interessanten Versuch: Elf Kinder, bei denen ADHS diagnostiziert wurde, sollten in den Bergen zwei Monate ohne Ritalin auskommen. Stattdessen gab es Regeln, Aufgaben, Ermutigungen und Anerkennung. Den Kindern erging so gut wie schon lange nicht mehr. Aber auch bei gesunden Kindern geht es Hüther oft darum, dass sie möglicherweise zu früh, zu viel und zu lang mit Medien verbringen, anstatt eigene Erfahrungen machen zu können.

Zusammen mit der Journalistin Cornelia Nitsch schrieb er ein Buch, das sehr früh ansetzt. Nicht nur bei der Geburt des Kindes, sondern bei den Eltern selbst. Sie sollen sich einer kritischen Selbstbetrachtung stellen. Worauf es zum Beispiel in Leben ankomme, welche Charakteristika das eigene Wesen auszeichnet und worin zum Beispiel die "inneren Stärken" liegen. Warum, liegt auf der Hand: Erziehung von Kindern ist eben nicht Handlungsanweisung und Regelwerk, sondern allem voran auch die eigene Haltung. Es nützt eben nichts, Wasser zu predigen und Wein zu trinken.

Wichtig ist dem Autorenpaar vor allem, dass Kinder viele eigene Erfahrungen machen. Einen Fehler den Eltern in Bezug auf Medien häufig begehen, ist der "Mangel an Möglichkeiten". Viele Kinder sind heute mit "perfekten" Spielsachen versorgt. Warum mich anstrengen und eine Burg aus Sand bauen, wenn ich eine fabelhafte Plastikburg zur Verfügung habe? Warum mich mit Mitspielern um den Tisch setzen, wenn ich beim Spielen am Computer in perfekte Digitalwelten abdriften kann. Hüther und Nitsch ermutigen die Eltern stattdessen den Forschungsdrang der Kinder anzuregen, ihre Lust am Entdecken zu fördern und sie in ihrer Kreativität zu fördern.

Fazit: Ein sehr lesenswertes Buch.

  • Gerald Hüther und Cornelia Nitsch: Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden. Gräfe und Unzer Verlag, 2008. 222 Seiten. 19,90 Euro

Stichwort: Medienerziehung

Warum vielen Eltern das Erziehen im Medienzeitalter schwer fällt, liegt auf der Hand: In der eigenen Kinderzeit gab es nur den Fernseher. Er stellte für unsere Eltern die einzige Herausforderung dar. Die Medienerziehung kannte nur zwei Aspekte: Reglementierung und den einprägsamen Satz "Geh nicht so nah ran."

Doch in den letzten zwei Jahrzehnten hat sich in der Medienlandschaft enorm viel gewandelt. Vielen Eltern und Pädagogen fehlt einfach - wie beim Fernsehen - der Vergleich. Muss Erziehung im Medienzeitalter wirklich neu erfunden werden? Müssen wirklich schon kleinere Kinder an die Medien heran geführt werden? Und wenn ja, wie?

Was Medienerziehung heute leisten und wie sie aussehen kann, aber auch, welche grundsätzlichen Überlegungen man bezüglich der "technischen Zivilisation" anstellen sollte - dazu bietet das Internet-ABC zwei interessante Buchtipps:

Ein Meilenstein: "Frühe Medienbildung"

Cover des Buches "Natur-Wissen schaffen Bd. 5: Frühe Medienbildung" von W.E. Fthenakis (Hrsg)

Dieses Buch ist ein echter Meilenstein der Pädagogik. Denn Fthenakis und sein Team stellen Sinn und Zweck der neuen Medien nicht in Frage, sondern sprechen sich sogar schon für den Einsatz im Kindergarten aus. Für den sinnvollen Einsatz wohlgemerkt. "Medienkompetenz", heißt es zu Beginn, "gibt Kindern eine Orientierung im 'Mediendschungel' und stärkt sie dabei verantwortungsvoll mit Medien umzugehen, ihre Absichten und Wirkungen zu durchschauen und ihre Medienerlebnisse zu verarbeiten."

Das bedeutet nicht automatisch, dass jeder Kindergarten einen eigenen Internetcomputer für die Kinder braucht, sondern vielmehr einen Schritt zurück zu gehen um Sinn und Chancen der Medien überhaupt zu betrachten. Welches Medium hilft dabei Kindern als Informationsquelle weiter? "Wenn sie Sachverhalte erforschen", schlagen die Autoren vor, "beobachten und erfragen, dokumentieren sie ihre Erlebnisse mit der Hilfe von Fotoapparat, Kassettenrekorder und anderen Medien." Darüber hinaus könnten die Kinder ihre Ergebnisse präsentieren und so "eigene Ideen und ihre eigene Weltsicht" ausdrücken.

Die Medienbildung kann dabei ruhig schon früh anfangen, wenn Fachkräfte, also Erzieher und Grundschullehrer, die Kinder bewusst fördern und begleiten. Darum besteht ein Teil des Buches aus Erläuterungen und entwicklungspsychologischen Grundlagen, aber gut die Hälfte des Buches kommt dann auch mit ganz konkreten Anleitungen für Projekte in der Praxis. So zeigt das Buch, wie Kinder eine Geschichte selbst vertonen, einen Trickfilm anfertigen oder eine Dia-Geschichte erstellen.

Fazit: Auch für Eltern mit Kindern unter sechs Jahren ist das Buch sehr spannend und trotz seiner unangefochtenen  Fachlichkeit gut lesbar und verständlich.

  • W.E. Fthenakis (Hrsg): Natur-Wissen schaffen Bd. 5: Frühe Medienbildung. Bildungsverlag EINS, 2009. 270 Seiten. 24,90 Euro

Denker am Werk: "Der technischen Zivilisation gewachsen sein"

Cover des Buchs "Der technischen Zivilisation gewachsen sein" von Hartmut von Hentig

Sicher, dieses Buch ist schon ein paar Jahre alt. Aber Hartmut von Hentig ist einer der größten Denker zum Thema Erziehung und zählt nicht gerade zu den Befürwortern von Computern, wenn es um Schule, Bildung und Wissen geht. Die Distanz ist nachvollziehbar. Schließlich wurden vor über zehn Jahre der Computer in die Schulen berufen und finanziert, ohne dass sich mal jemand die Frage zu stellen schien, welche Software Lehrer tatsächlich brauchen würden. Von Konzepten gab es auch kaum eine Spur. So wurde der Einzug des Computers in den ersten Jahren weniger ein veritabler Bildungserfolg als eher ein glänzendes Geschäft.

Hentig wiederum wirft das Geschehene um, analysiert und horcht tief in sich hinein. Dabei sind die Medien nicht unbedingt Teufelszeug. "Es ist nicht alles 'Schrott und Show', was die Medien-Generation erfährt", schreibt Hentig. "Die jungen Menschen haben sehr wohl ihre Realität; sie sehen ihre Lage einigermaßen illusionslos, sie tun in ihr, was ihnen möglich und notwendig erscheint."

Das Herausragende dieses Buches ist, dass es nicht an Ist-Zuständen festhält, sondern wichtige Themen bearbeitet: "Mit den Neuen Medien sind uns die Grundfragen der Menschheit noch einmal gestellt. Gewiss auch die Frage, wie wir die durch sie geschaffene neue Lage bewältigen: Arbeitslosigkeit und Entfremdung, Datenschutz und Dezentralisation, Nord-Süd-Gefälle und die neuen technokratischen Eliten, Verfeinerung der Kriegstechnik und die gesteigerte Abhängigkeit von Funktionen des einen alles beherrschenden Systems. Vor allem aber die Frage, was Beweggrund und Ziel unserer Bemühungen auf dieser Erde eigentlich sind."

Hentig nimmt die Neuen Medien nicht hin, sondern stellt Forderungen, die er "vernünftige Erwartungen nennt", scheut aber nicht davor zurück, auch die "unvernünftigen Erwartungen" zu benennen. Auch an die Aufgaben der Bildungseinrichtungen, die aktiv Medienkompetenz vermitteln können, hat Hentig konkrete Vorstellungen. "Erst das Wissen, wozu man das Mittel braucht, macht uns zu seinem Herrn."

Fazit: Ein Buch, das wir immer wieder lesen können und müssen.

  • Hartmut von Hentig: Der technischen Zivilisation gewachsen sein: Nachdenken über die Neuen Medien und das gar nicht mehr allmähliche Verschwinden der Wirklichkeit. Beltz Verlag,  2002. 328 Seiten. 16,00 Euro

Stichwort: Medienerziehung (2): In der Familie

In den Medien tauchen immer wieder Artikel auf, die viele Eltern das Blut in den Adern gefrieren lassen: Wer brutale Computerspiele hat, wird Amokläufer, und wer mal länger an einem Onlinerollenspiel sitzt, ist natürlich gleich süchtig. Doch so einfach ist das nicht.

Monokausale Begründungen, also eine Ursache für eine Wirkung, gibt es nicht - auch wenn sie so manche schwere Diskussionen erleichtern würden. Die wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema ist vielfältig und in ihren Erklärungen von Gewalttaten und Suchtphänomenen nicht homogen. Die nachfolgenden Literaturtipps bieten Antworten auf drängende Fragen vieler Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen: einfache, aber nicht oberflächliche Antworten:

Klare Antworten auf klare Fragen: "Kinder am Computer"

Cover des Buchs "Kinder am Computer" von Hedwig Lerchenmüller-Hilse und Jürgen Hilse:

Jürgen Hilse ist oberster Landesvertreter der USK und hat mit seiner Frau, der Pädagogin Hedwig Lerchenmüller, "Kind am Computer" verfasst. Wichtigste Leistungen des Buches:  Das Autorenpaar eiert nicht herum, sondern bezieht ganz klare Stellung. Die Fragen besorgter Eltern werden nicht nur auf den Punkt gebracht, sondern auch mit  Rat und Tat beantwortet. Zum Beispiel, auf welche Alarmzeichen geachtet werden muss, wenn es um das heikle Thema Computersucht geht. "Handeln Sie mit Ihrem Kind klare Spielzeiten aus und setzen Sie klare Grenzen, die sie begründen sollten", heißt es da. "Wichtig ist, dass Ihr Kind einsieht, dass zu langes Computerspielen negative Folgen hat, schädlich für seine Entwicklung und Gesundheit ist." Das Fazit: "Vorbeugen ist besser als reparieren!"

Auch beim Thema Computerspiele und Gewalt zählt Vernunft und Pragmatismus. Nach einer allgemeinen Einordnung des Themas folgt die Meinung der Autoren ohne Beschönigung und Verharmlosung, dass "einseitige Präferenz auf Gewaltspiele für Kinder und Jugendliche entwicklungsabträglich sind und eine Gefährdung ihrer Persönlichkeitsentwicklung bedeuten."

Konkrete Vorschläge helfen weiter, wie etwa der Hinweis die Jugendschutzeinstellungen an Spielkonsolen zu nutzen, damit keine Spiele ab 16 oder 18 Jahren von jüngeren Kindern gespielt werden können.

Fazit: Das Buch eignet sich für Eltern, die sich informieren wollen, richtet sich aber auch an Lehrer, die besorgten Müttern und Vätern zu solchen Themen Rede und Antwort stehen wollen.

  • Hedwig Lerchenmüller-Hilse und Jürgen Hilse: Kinder am Computer. Humboldt,  2009. 159 Seiten. 8,90 Euro

Wieviel Medien sind gesund? "Kindheit 2.0"

Cover des Buchs "Kindheit 2.0" von Thomas Feibel

Medien finden heute im Ensemble statt und verweisen immer wieder quer aufeinander. Eltern, die sich den Herausforderungen der Erziehung im Medienzeitalter stellen wollen, dürfen sich dabei nicht auf ein Medium konzentrieren, sondern müssen auch die Zusammenhänge sehen.

Der Berliner Medienexperte und Journalist Thomas Feibel gibt mit diesem Buch umfangreiches Hilfsmaterial zu den Themen Fernsehen, Handy, Internet und Computerspiele in die Hand. Dabei bildet die Frage, wie viel Medien eigentlich gesund sind, den roten Faden des Bandes. Wann ist zu viel zu viel? Und wie kann dem vorgebeugt werden. Hilfreich sind auch die Interviews mit Wassilios Fthenakis, den Medienpädagogen Stefan Aufenanger und Bernd Schorb, dem Hirnforscher Gerald Hüther, der Medienwissenschaftlerin Maja Götz und dem Entwicklungsspezialisten Remo Largo.

Jedes Kapitel teilt sich in vier Blöcke. Im ersten Teil wird der eigene Umgang mit dem Medium analysiert. Denn wer seine Kinder verstehen will, sollte auch sein eigenes Verhalten näher betrachten. Schließlich haben Eltern eine Vorbildfunktion. Im zweiten Teil geht Feibel auf den Medienumgang des Nachwuchses ein, im dritten Part spricht er die Chancen, aber vor allem auch die Gefahren an. Am Ende folgt, was Eltern konkret bei dem jeweiligen Thema unternehmen können. Dabei geht der Autor auch auf Fragen der Gewalt bei Computerspiele  und Handyvideos ein, aber auch bei Themen wie Sucht und Mobbing redet Feibel Klartext.

Fazit: Für Eltern und Pädagogen sehr hilfreich.

  • Thomas Feibel: Kindheit 2.0: So können Eltern Medienkompetenz vermitteln. Stiftung Warentest, 2009. 192 Seiten. 16,90 Euro

Stichwort: Computer- und Videospiele

Bei diesem Thema gibt es zwei Fraktionen: Die eine Seite, meistens Spieler, behaupten, dass Gewalt in Computerspielen keinerlei Schaden anrichte und zum Spielspaß gehöre. Es sei wie beim Mensch-ärger-dich-nicht, heißt es dann oft. Doch wenn das stimmt, wozu dann Blutfontänen und Massaker? Die andere Gruppe will sich auf gar keine Diskussion einlassen, sondern gleich so genannte "Killerspiele" verbieten. Wenn sie richtig lägen, welche brutalen Medien müssten dann noch verboten werden?

Recht haben vermutlich beide Gruppierungen nicht. Brutale Spiele schaden Kindern in der Seele und haben allein schon deshalb nichts in ihren Händen zu suchen. Zwar ist der Autor des folgenden Bandes für Verbote brutaler Spiele - aber nicht von staatlicher, sondern von Elternseite. Diese müssen nur mehr über die Welt der Spiele und den Alltag der Kinder wissen.

Alles nur Gewalt? "Killerspiele im Kinderzimmer"

Cover des Buchs "Killerspiele im Kinderzimmer" von Thomas Feibel

Im Jahr werden nur drei bis vier Prozent der geprüften Computerspiele mit einer USK 18 versehen. So könnte der Eindruck entstehen, dass nicht brutale Spiele 96 Prozent des Marktes ausmachten. Doch das ist eine Milchmädchenrechnung. Denn erstens gibt es auch nicht gerade harmlose Spiele mit einer USK 16, und zweitens sagen diese Zahlen nichts über deren Verbreitung aus, da vor allem von einer Flut an kursierenden Raubkopien ausgegangen werden kann. So kommen dann auch Kinder an Spiele, die nicht für sie gemacht sind und ihnen auch schaden.

Thomas Feibel ist freier Journalist und kümmert sich seit Jahren um das Thema Kind und Computer. In seinem Buch fokussiert er sich nicht allein auf Gewaltspiele, sondern betrachtet das Thema mit mehr Abstand: Wie sieht Kindheit heute eigentlich aus? Was gibt es an Alternativen, um Kinder nicht nur an den Computer zu fesseln? Und mit welchen Formen der Gewalt sehen sich Mädchen und Jungen im ganz normalen Alltag durch Plakate, Fernsehen oder Videoclips konfrontiert?

Der Autor beschreibt auch, wie Kinder durch den Computer zu Stubenhockern werden können. "Computer binden den Nachwuchs ans Elternhaus: Der Jugendliche sitzt in seinem Zimmer, in Sicherheit, in Obhut. Das ist die Politik der langen Leine." Denn Eltern ist es auch lieber, wenn sie ihre Kinder im Blick haben. Dass aber Kinder dadurch mehr und mehr in eine Abhängigkeit und auch Unselbständigkeit gedrängt werden, verschweigt Feibel nicht.

Das Buch ist keine Ehrenrettung brutaler Spiele, aber auch kein blindes Verdammen bestimmter Genres. Vielmehr unternimmt Feibel den Versuch, relativ unaufgeregt die Eltern noch einmal an ihre Erziehungsaufgaben zu erinnern. Denn Verbote sollen nicht vom Staat kommen, sondern von Müttern und Vätern, die hier auch ruhig auf den gesunden Menschenverstand hören sollen. Kaum ein Thema wird dabei ausgelassen: Machen Computerspiele aggressiv? Können brutale Spiele konditionieren? Und welche Wirkungen haben Computerspiele auf die Seele des Kindes.

Fazit: Ein gutes und vernünftiges Buch. Niemand muss Computerspiele lieben, seine Kinder aber schon.

  • Thomas Feibel: Killerspiele im Kinderzimmer. MVG Verlag, 2008. 240 Seiten. 9,90 Euro
  • Auch empfehlenswert: Thomas Hartmann: Schluss mit dem Gewalt-Tabu! Warum Kinder ballern und sich prügeln müssen. Eichborn Verlag, 2007. 17,95 Euro

Das Kompendium: "Computer- und Videospiele: Alles, was Eltern wissen sollten"

Cover des Buchs "Computer- und Videospiele" von Harald und Andrea M. Hesse

Wer sich bislang weder für Computer, noch für Computerspiele interessiert hat, tut dies spätestens dann, wenn Kinder ins Spiel kommen.  Doch wer einmal die Tür zum Multimedialand aufgestoßen hat, wünscht sich oft jemanden, der ihn an der Hand nimmt und eine gründliche Einführung gibt. Genau das bieten Harald Hesse, seines Zeichens Chefredakteur der Branchenzeitschrift "Games Markt" und seine Frau Andrea Hesse in ihrem Buch an.

Hier stehen alle Grundlagen drin, die ein Erziehungsanfänger in Sachen Medienkompetenz wissen muss. Die Hesses gehen dabei sehr praktisch vor: Welchen Computer brauche ich, und wozu? Was taugen Spielekonsolen und sind die nicht eher dem Rechner vorzuziehen?  Sollen Kinder im Vorschulalter schon spielen, und wie sehen überhaupt die Angebote aus?

Vorgestellt werden Spielgenres und Tipps, wie sich gute Spiele ermitteln lassen. Dabei erklären die Autoren auch, was es mit E-Sport, LAN-Partys, Browsergames und mobilen Spielen so auf sich hat. Es wird aber auch auf den Jugendschutz eingegangen. "Aufgeweckte Kids", heißt es, "kommen auch an für sie ungeeignete Computer- und Videospiele, und gerade die Titel, die nicht für ihre Altersgruppe gekennzeichnet sind, üben einen besonderen Reiz aus." Der Tipp: "Eltern müssen wissen, was zu Hause gespielt wird, und sie müssen mit ihren Kids im Gespräch bleiben. Denn gerade Verbote – vor allem bei Älteren - nützen in der Regel gar nichts." Das Buch lässt kaum eine Frage offen, und bei schwierigen Termini hilft das Glossar weiter.

Fazit: Praktisches Buch für Neulinge.

  • Harald und Andrea M. Hesse: Computer- und Videospiele. Alles, was Eltern wissen sollten. Herbig,  2007. 221 Seiten. 14,90 Euro

Stichwort: Sucht

Immer wieder geistern Zahlen durch die Medien, die nur eines zu belegen scheinen: Der Nachwuchs ist süchtig. Süchtig nach Computerspielen, süchtig nach einem Leben im Internet. Doch nicht immer kann gleich von "Sucht" gesprochen. Denn Kinder sind in ihrem Tun oft exzessiv. Es ist schwer zu erkennen, ob dem Handeln nur eine riesengroße Begeisterung zugrunde liegt oder doch eine Abhängigkeit. Dabei gibt es nichts zu beschönigen: Kinder und Jugendlichen verbringen zu viel Zeit am Rechner. Die Erwachsenen müssten eigentlich für Alternativen sorgen. Wenn es andere, sinnvolle Beschäftigungen gäbe, wären PC und Internet nicht so wichtig. Wir stellen Ihnen zwei Bände vor, die sich kompetent mit dem Thema "Sucht" auseinandersetzen.

Ständig spielen müssen: "Computerspielsüchtig? Rat und Hilfe"

Cover des Buchs "Computerspielsüchtig?" von Sabine M. Grüsser und Ralf Thalemann

Immer mehr Kinder und Jugendliche spielen immer länger am Computer. Gerade bei Online-Rollenspielen, die kein rechtes Ende haben, fällt es vielen Spielern schwer, einen Schlusspunkt  zu setzen. Viele Jugendliche sind in Suchtgefahr, doch nicht immer gleich süchtig.

Dieses Problem war der früh verstorbenen Professorin für medizinische Psychologie und medizinische Soziologie, Sabine Grüsser-Sinopoli, und ihrem Co-Autoren Ralf Thalemann  bewusst. "Häufig wird das exzessive Computerspielen bei Kindern auch von deren Eltern gefühlsmäßig ('aus dem Bauch heraus') als ein Suchtverhalten bezeichnet - ohne dass sie sich mit den Diagnosemanualen und den darin enthaltenen Diagnosekriterien der Abhängigkeit näher beschäftigt haben. So scheint die Ähnlichkeit von Sucht und exzessivem Computerspielverhalten auch im Familienalltag offensichtlich zu sein."

Mehr Aufschluss gibt dieser Band, der mittlerweile in neuer überarbeiteter Fassung vorliegt und als unentbehrliches Standardwerk zum Thema Computerspielsucht bezeichnet werden kann. Es ist ein alarmierendes, aber kein Panik verbreitendes Buch. Vielmehr ist es in all seinen Details sehr hilfreich. Es benennt unter anderem die Kennzeichen der Computerspielsucht, beleuchtet die tatsächliche Häufigkeit der Fälle und untersucht, ob männliche Spieler stärker gefährdet sind als Mädchen oder Frauen. Anschaulich und nachvollziehbar sind die vielen Fallbeispiele, doch auch die Übersichtstafeln führen dem Leser immer wieder unterschiedliche Fakten, Abläufe oder auch Kriterien vor Augen.

Eine Kopiervorlage, mit Informationen zum Einschätzen einer möglichen Sucht-Situation beim eigenen Kinde, hilft gerade Lehrern und anderen Menschen in pädagogischen Berufen, die von besorgten Eltern zu dieser Thematik angesprochen werden.

Fazit: Die Sprache ist wissenschaftlich, aber auch für Laien gut lesbar und verständlich.

  • Sabine M. Grüsser und Ralf Thalemann: Computerspielsüchtig? Rat und Hilfe. Verlag Hans Huber, 2008. 118 Seiten. 14,95 Euro

Aufbruch und kein Bleiben: "Computersüchtig"

Cover des Buchs "Computersüchtig" von Wolfgang Bergmann und Gerald Hüther:

Während das Buch "Computerspielsüchtig?" aus der Betrachtung der Suchtforschung stammt, geht dieser Band einen anderen Weg. Das liegt auch an den Autoren. Wolfgang Bergmann ist Deutschlands bekanntester Kinderpsychologe und sein Co-Autor Gerald Hüther Neurobiologe.  Entsprechend greift diese Analyse zwei Schwerpunkte auf: Was geschieht mit der Psyche des Kindes, das in den Strudel der Neuen Medien gezogen wird, und was passiert mit seinem Gehirn?

Die Kapitel haben aufrüttelnden Charakter und wurden in "Aufwachen", "Hinschauen", "Verstehen" und "Nachdenken" eingeteilt. "Drogensüchtige fallen auf", heißt es im Buch, "entweder weil sie bekifft herumtorkeln, irgendwann asozial durchhängen oder wegen Beschaffungskriminalität geschnappt werden, so zumindest das gängige Klischee. Aber woran erkennt man einen Computersüchtigen, wenn sein Computer nicht ausgerechnet an einem Samstagnachmittag irreparabel schlapp macht?"

Die Autoren beleuchten nicht nur die Computerthematik, sondern zeichnen ein genaues Gesamtbild. Wie sieht es denn in vielen Haushalten aus, in denen Kinder aufwachsen? " Die Kinder werden verwöhnt", heißt es dazu. Ihnen wird soviel geboten, dass eine Übersättigung stattfindet. "Niederlagen und kleine Tragödien, die zum Kinderalltag dazu gehören, dürfen gar nicht eintreten." Dazu kommen der Leistungsanspruch und eine emotionale Verarmung. Wer über Jahre mit Druck aufwächst, wenig Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit erfährt, erhält aus der digitalen Welt ganz andere Signale. Wobei die eben auch nicht für eine echte Beständigkeit stehen. "Sie lernen den Umgang mit Suggestionen, die sich mit ihren Fantasien vermählen, sie lernen: 'Überall ist Aufbruch und nirgends ein Bleiben.'"

Bergmann und Hüther geben am Ende dann auch ganz konkrete Ratschläge. Aber vor allem wird bei der Lektüre eines klar: Wer über das Thema Sucht bei Kindern  und Jugendliche etwas erfahren möchte, muss sich auf eine Reise begeben. Denn über Erziehung nachzudenken, bedeutet auch immer ein Nachdenken über sich selbst. Erst dann mag Erziehung gelingen.

Fazit: Ein Buch, das nachdenklich macht.

  • Wolfgang Bergmann, Gerald Hüther: Computersüchtig. Kinder im Sog der modernen Medien. Beltz Verlag, 2009. 164 Seiten. 12,90 Euro
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