Sonntag, 05. Februar 2012

Wissen, wie's geht

Was begeistert junge Menschen an sozialen Netzwerken?

Auf den Plattformen werden eifrig neue Kontakte geknüpft. Vor allem wird aber auch das real bereits vorhandene Freundschafts- und Schülernetz online gepflegt. So treffen sich Schüler und vor allem Schülerinnen nachmittags online, um sich mit Freunden und Klassenkameraden auszutauschen. Die Netzwerke erweitern ihre Face-to-face-Kommunikation.

Die Freundschaftsbücher von damals sind interaktiv geworden: Auf den Plattformen können sich Kinder und Jugendliche präsentieren und über ihr virtuelles Selbst in Kontakt mit Gleichaltrigen treten. Sie unternehmen damit gewissermaßen digitale Schritte zur Selbstfindung und Identitätsbildung. Wer bin ich und was kann ich? Wie viele Freunde habe ich und wie beliebt bin ich? Man will wissen, wie andere auf das eigene Profil reagieren und seinen Selbstwert testen. Man will sich positionieren und etwas über seine Gleichaltrigen erfahren. Man stöbert neugierig in den Profilen und schaut nach, wie die anderen sich präsentieren.

Auch Verliebtsein und Flirten sind für Heranwachsende zentrale Themen. Über die Plattformen lässt es sich leicht und ohne Hemmung anbändeln (s.o. "gruscheln") oder über den Schwarm informieren. Die eigene Identität erproben, mit Rollen experimentieren, sich abgrenzen - all das sind typische Entwicklungsaufgaben auf dem Weg ins Erwachsensein.

Nicht zu unterschätzen ist aber auch ein gewisser Gruppendruck. Wenn die Mehrzahl meiner Schulkameraden Mitglied im schülerVZ ist, sich die Klasse hier austauscht und Online-Erlebnisse miteinander teilt, entwickelt sich eine Parallelwelt. Nur wer dabei ist, weiß, "was geht" und kann am nächsten Schultag mitreden.

Diskussions-Gruppen

Die Mitgliedschaft in Gruppen sagt ebenfalls etwas über die eigene Persönlichkeit aus. Durch Gruppenzugehörigkeit unterstreicht man sein Profil und bekennt sich zu seinen Interessen und Einstellungen. Man demonstriert, zu einer Gemeinschaft, einer "Online-Clique", zu gehören. Mädchen positionieren sich stärker als Jungen über Gruppenmitgliedschaften, was sich im Umfang ihrer Gruppenlisten offenbart (z.B. 50 Gruppen). Die Mitgliederzahl der Gruppen schwankt stark, kleinere haben 5, 40 oder 100 Anhänger, größere erreichen 100.000 Mitglieder oder mehr. Gleichwohl die Länge der Gruppennamen auf 64 Zeichen begrenzt ist, gelingt es den Schülern, Namen zu kreieren, die das Thema der Gruppe oder deren Philosophie sofort fassbar machen. In den Gruppen spiegelt sich das Themenspektrum wider, das junge Menschen beschäftigt:

  • Schulalltag ("Hausaufgaben gefährden meine Gesundheit", "Abschreiben bei Arbeiten? Wir nennen das Teamwork!"),
  • Freundschaft und Gemeinschaft ("Ich habe die besten Freunde der Welt", "Die beste Klasse ist die 7a"),
  • Erwachsenwerden und Identität ("Ich lebe nicht, um zu sein, wie Andere mich gerne hätten", "Gott schuf die Neugier und nannte sie MUTTER", "Wer mich entführt gibt mich spätestens morgen zurück!"),
  • Alkohol und Party ("Alkohol ist keine Lösung - sondern ein Destillat", "Ich mach auch dann noch Party, wenn ich schon klinisch tot bin"),
  • Spaß und Unterhaltung ("Lieber Dr.Sommer: Ich wurde gegruschelt, bin ich jetzt schwanger?"),
  • Sexualität ("Kein Sex vor der Ehe? Keine Hausaufgaben vor dem Abi!") oder
  • Liebe ("Wer Sex für das Größte hält, war noch nie richtig verliebt!").

Nicht alles, was hier in bunten Farben geschildert wird, sollten Eltern für bare Münze nehmen. Man trägt auch dick auf, um zu provozieren und "cool" zu wirken.

Erwähnt werden sollen noch Beispiele für Gruppen, die Eltern und Pädagogen gefallen dürften:

  • "schuelerVZ gegen Rechts",
  • "Du warst sexy bis ich die Zigarette in deiner Hand sah...",
  • "Lesen macht sexy",
  • "Gegen Mobbing im schülerVZ",
  • "Schon wieder auf meinem Profil? Meine Fresse, druck es dir aus!" - eine Gruppe gegen Stalker.

Zum Weiterlesen:

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